#1000Tode - Beitrag 373


Die Idee war und ist, in Form von tausend kurzen Texten tausend höchst subjektive Ansichten auf den Tod zu versammeln, damit diese zusammenwirkend einen transpersonalen Metatext über den Tod schreiben, aus dem wiederum ein plausibles Bild dessen entsteht, wie der Tod in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen wird, welche Realität er hat, wie und was er ist. 

(Christiane Frohmann, März 2016) 


1000 Tode schreiben

 

 

#373

 

Ich sitze auf einem Schreibtischstuhl direkt vor dem riesigen Bett. An den Wänden hängen Poster von Fußballspielern neben Figuren aus diversen Mangaserien. Rechts von mir herrscht auf dem Schreibtisch ein kleines Chaos aus losen Blättern, Schulbüchern und -heften. Aus einer Anlage auf dem Regal hinter mir ertönt Musik. Vor mir steht eine leere Urinflasche auf dem Boden, von einem Gerät führt ein dünner Schlauch zu dem mittlerweile geschwächten Jungen auf dem Bett. Ein leises Zischen konkurriert mit der Musik und zeigt an, dass der Sauerstoff läuft. Das typische Zimmer eines Fünfzehnjährigen mit Schönheitsfehlern.

Maximilian hat Krebs. Einen Knochentumor, der ihn nicht nur sein rechtes Bein gekostet hat. Maximilian weiß, dass er bald sterben wird. Aus diesem Grunde hat er seine Mutter gebeten, mich zu fragen, ob ich einen Abend Zeit für ihn habe.

Natürlich habe ich Zeit.

Ich kenne Max bereits von Station, habe ihn während seiner kurativen Therapie betreut. Ihn und vier weitere gleichaltrige Jungen mit dem gleichen Tumor, mit denen Max Freundschaft geschlossen und privaten Kontakt gehalten hat.

Keiner von ihnen hat die Krankheit überlebt.

Ob Max es weiß?

Seine Eltern wollen ihn schützen und haben ihm verschwiegen, dass seine Freunde nicht mehr leben. Aber Max weiß Bescheid. Spätestens ab dem Zeitpunkt, als einer nach dem anderen nicht mehr auf seine Nachrichten bei Facebook reagiert, ist ihm klar, was Sache ist. Und er verheimlicht seinen Eltern dieses Wissen, damit sie sich nicht zusätzlich Sorgen machen müssen.

Neben der Infusionspumpe an seiner Seite, die ihn mit starken Schmerzmitteln versorgt, hat Max ein schwarzes Buch liegen. Seine Atmung geht stoßweise, das Sprechen fällt ihm schwer. Nach gefühlt jedem dritten Wort muss er eine kurze Pause einlegen, um Luft zu holen. Zwischendurch entfernt er die Sonde aus der Nase, um sich zu kratzen und zugleich die Flüssigkeit zu entfernen, die sich durch den Sauerstoff angesammelt hat. Nachdem er die Sonde wieder neu positioniert hat, klärt er mich nun über sein Anliegen auf.

„Kannst du mir helfen, mein Testament zu schreiben?“

Er habe einige Sachen, die er nach seinem Tod seinen Freunden vererben wolle. Er könne aber keinen Anfang finden. Nachdem wir einen Anfang gefunden haben, fällt es Max leichter, seine Bücher, CDs und Computerspiele zu verteilen. Ich sitze auf meinem Schreibtischstuhl daneben und höre ihm bei seiner Auflistung zu. Die Musik scheint für die Szenerie in diesem Zimmer vorbereitet. Ein trauriges Lied löst das nächste ab, und ich fühle mich kurz wie in einem grotesken Film.

Ich bin überwältigt von der Offenheit, mit der Max seinem bevorstehenden Tod begegnet, und wie wichtig es ihm ist, entsprechende Vorbereitungen zu treffen. Neben dieser Offenheit nagt aber auch Sorge in ihm. Es gebe noch so viel zu sagen, aber er wisse nicht, wie er das noch alles schaffen solle. Mittlerweile hat er das schwarze Buch in der Hand, das seine Mutter ihm besorgt hat. Und gemeinsam planen wir, wie er all das, was ihm noch auf dem Herzen liegt, loswerden kann.

Als ich Max’ Eltern einige Wochen nach seinem Tod treffe, erzählen sie mir von dem schwarzen Buch. Es ist sein Vermächtnis, in dem seine Gedanken, seine Wünsche und Hoffnungen für die Familie und Freunde, aber auch seine Ängste und Sorgen in seinen eigenen Worten, mit seiner eigenen Handschrift für immer festgehalten sind.

Für seine Eltern ist es von unschätzbarem Wert.

 

© Lars Wicher


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