Plotten: Die Macht der Schneeflocke

Als ich vor wenigen Jahren das erste Mal in der TEXTart von Ingermansons Schneeflockenmethode gelesen habe, hat sie mich eher irritiert, als dass sie mir geholfen hat. Es mag an dem Artikel gelegen haben, der nur einen kurzen Abriss von der Schrittfolge geben konnte. Somit ist die Methode bei mir schnell in Vergessenheit geraten. Als ich in der Facebook-Gruppe auf die Übersetzung von Jaqueline Vellguth gestoßen bin, hat sich meine Meinung allerdings geändert. Die fünfzehn Seiten waren schnell ausgedruckt und sind nun obenauf in dem Ordner von mC abgeheftet. Natürlich habe ich zunächst gedacht: `Zehn Schritte zum Design? 

 

Muss ich wirklich zurück an den Anfang und neu beginnen?´.

 

Beim Lesen der ersten Seiten konnte ich die angehaltene Luft wieder auspusten. Die Methode dient weniger als Ideenschmiede für eine Geschichte sondern mehr als Instrument zur Planung des Plots. 

 

Ich bin immer bereit, neue Dinge auszuprobieren und erhoffe mir von der Methode, Klarheit in meine Handlungsstruktur zu bekommen und Schwachstellen ausmerzen zu können. Also habe ich nicht lange gewartet und in der letzten Woche mit den ersten drei Schritten begonnen. Was sich so einfach anhört, war bisher und ist weiterhin ein hartes Stück Arbeit. Für muensterCoven bin ich aber bereit, diesen Weg zu gehen und die Schneeflocke zu basteln!

 

Aber was ist die Schneeflockenmethode?

 

Randy Ingermanson hat die Methode entwickelt, um eine gute Geschichte zu designen. Designen? Ehrlicherweise ist das Wort "Design" im Zusammenhang mit dem Schreiben eines Romans oder einer Kurzgeschichte nicht ungewöhnlich. Denn nichts anderes macht man in der Vorbereitungsphase. Man kreiert, man baut zusammen, man designed.

 

Die Schneeflockenmethode entwickelte Ingermanson für die Erarbeitung seinerRomane. Er nutzt dabei sein Know-How als Softwareentwickler und überträgt dieses Wissen auf das Kreative Schreiben. Schlauer Fuchs, der er ist, hat er sich eine Schneeflocke als Bild genommen, die sich aus mehreren Dreiecken zusammensetzt. Jedes Dreieck steht dabei für einen Schritt in der Phase des Romandesigns. An das Ausgangsdreieck kann nach jedem absolvierten Schritt ein neues Dreieck angebaut werden. Am Ende der Arbeit hat sich der Autor eine kleine Schneeflocke gebastelt, die seine gut strukturierte Geschichte symbolisiert.

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Quelle: Schriftsteller-werden.de

 

Der Beginn einer leidenschaftlichen Schneeflocke

Im ersten Schritt gibt Randy Ingermanson vor, sich eine Stunde Zeit zu nehmen, um in einem Satz die Handlung der Geschichte zu beschreiben. IN EINEM SATZ! Nur 15 Wörter dürfen genutzt werden! Oh Gott! 

 

Meine Vorgehensweise sah folgendermaßen aus: ein Glas Wein in der einen und mein grübelndes Kinn in der anderen Hand, den Blick starr auf den Bildschirm gerichtet, die Stirn kraus gezogen. Doch nach einigem Überlegen habe ich sowohl für den Plot in der Vergangenheit als auch für den in der Gegenwart jeweils einen Satz geschrieben. Natürlich hat sich dieser im Laufe der letzen Tage immer wieder verändert. Aber das ist auch erwünscht und hängt mit dem dritten Schritt zusammen.

 

Der jeweilige Satz ist noch nicht perfekt, und ich glaube, dass ich die Methode nicht unbedingt richtig anwende. Aber der erste Schritt hilft, mir übergeordnet darüber klar zu werden, worum es eigentlich gehen soll. Meine Ein-Satz-Zusammenfassung für die Gegenwart liest sich zum Beispiel so: 


Ein Mädchen kommt während der Vorbereitung zu Ihrer Initiaton einem Geheimnis ihres Covens auf die Spur.


Innerhalb einer weiteren Stunde wird die Ein-Satz-Zusammenfassung zu einem vollständigen Absatz erweitert. Wichtig dabei ist, dass neben der Ausgangssituation auch drei Katastrophen und das Ende der Geschichte enthalten sind. Die Vorgabe: pro Punkt nur ein Satz, so dass am Ende ein Absatz von fünf Sätzen besteht.

 

Da der nächste Schritt  maßgeblichen Einfluss auf die ersten beiden Schritte hat, kommt zunächst die exemplarische Beschreibung von Nr. 3.

Befassen sich Schritt 1 und Schritt 2 mit der Handlung auf der Metaebene, werden als Nächstes die wichtigsten Charakteren der Geschichte beleuchtet. Dieser Schritt setzt voraus, dass ich bereits weiß, welche Figuren innerhalb des eSerials eine Rolle spielen werden.

 

Das Spannende ist, dass für jede Figur eine einseitige Zusammenfassung aus der jeweiligen Perspektive erfolgt. Spannend deshalb, weil es hier um die Storyline der einzelnen Charaktere geht. Neben Edda und Engele, die beiden Protagonisten von mCnehme ich u.a. zusätzlich Eddas Familie und einen Teil der Figuren aus der Vergangenheit unter die Lupe. Ich nutze dabei die Vorlage von Randy Ingermarson.

Vorlage für Schritt 3
Vorlage für Schritt 3

Da ich bereits erste Notizen und Charakterentwürfe angefertigt habe, kommt mir diese Aufgabe nicht allzu schwierig vor. Und in der Tat helfen mir meine Aufzeichnungen, mich mit dieser Methode meinen Figuren auf eine ganz andere Art zu nähern.

 

Es entstehen dabei zwei neue Charakterskizzen, die wesentlich tiefer in das Wesen der jeweiligen Figuren dringen und meine bisherigen Entwürfe um ein Vielfaches erweitern. Eine Figur aus der Vergangenheit kommt mir zum Beispiel viel näher, als ich je vermutet hätte. Ich erfahre viel über die Beweggründe ihres Handels, die ihr eigentliches Ziel bestimmen und ihre Taten weniger grausam erscheinen lassen.

 

Durch das Anfertigen einer Storyline für jeden Charakter fügen sich deren Handlungsstränge wie zwei in sich verschränkende Hände zusammen und beginnen, die ersten beiden Schritte in Frage zu stellen. Jede Figur trägt durch ihre Storyline dazu bei, dass sich die Ein-Satz-Zusammenfassung und der daraufhin verfasste Absatz noch einmal verändern und verändern und verändern. Leider führt dies zu Unsicherheiten bei mir. Ich habe das Gefühl die Geschichte zu verlieren.  

Ein Zwischenschritt

Als ich mich dem vierten Schritt nähern will, stelle ich zu meinem Bedauern fest, dass ich nicht weiterkomme. Schritt 4 verlangt von mir, mir den Absatz aus Schritt 2 vorzunehmen und zu jedem Satz einen eigenen zu verfassen. Ich stocke und merke: ein kleiner Zwischenschritt muss eingelegt werden, damit es weitergehen kann.

 

In den vergangenen Monaten habe ich eine gute Sammlung an Plotideen anlegen können. Diese nehme ich mir erneut vor, sortiere in einem eigenen Dokument die passenden Handlungsstränge der Vergangenheit und erstelle eine Rangliste. Was sich so einfach anhört, dauert einen ganzen Nachmittag. Es gibt so viele Ideen, die ich gerne einbauen würde. Mich zu entscheiden, auf welche ich momentan verzichten muss, fällt mir ungemein schwer. Am Ende habe ich allerdings einen zweiseitigen Entwurf, der in den nächsten Tagen weiter bearbeitet werden muss. Für den Augenblick liefert er aber einen guten Überblick über mögliche Szenen und logische Handlungsabläufe. Sobald ich den einseitigen Handlungsentwurf für den Coven im Jahr 1646 angelegt habe, kann ich einen weiteren für Eddas Geschichte verfassen! 

Ich bin nach langer Anstrengung im Besitz einer einseitigen Zusammenfassung meines Plots für mC. Sie gibt mir zunächst einen groben Überblick über die gesamte Handlung. Ich habe mir dafür etwas mehr Arbeit gemacht, da es galt, zwei Zeitebenen zu entwickeln. Nachdem ein einseitiges Exposé um die Geschichte des Coven im 17. Jahrhundert angelegt war, habe ich dasselbe für den Handlungsstrang des heutigen Zirkels getan. 

 

Wirklich weiter bringt mich das nächste Flockenstück. Schritt 5 verlangt von mir, aus  der Perspektive der wichtigsten Charakteren eine eigene Handlung zu entwickeln: die "Charakterperspektiven". Für die Hauptcharakteren wird dafür je eine ganze Seite, für die Nebenpersonen jeweils eine halbe Seite veranschlagt. Immer wieder nehme ich mir meine bisherigen Charakterskizzen vor und verändere hier und da einzelne Aspekte in ihrer Beschreibung. Ich hätte nie gedacht, dass ich dadurch meine Figuren besser kennenlernen und die Handlung ihnen entsprechend ausbauen kann. Aber genau das ist passiert.

Gleichzeitig ist es anstrengend, rückwärts zu gehen und bereits erarbeitete Punkte zu verbessern. Aber wenn dies meine Geschichte besser macht, dann will ich nicht klagen.

Nun gilt es, erneut zu Schritt 4 zu wandern und die Plotübersicht differenzierter auszubauen. Helfen sollen mir dabei die einzelnen Handlungsfäden der Figuren. Jede Figur hat einen eigenen Antrieb, der die Geschichte beeinflusst. Hier die Großmutter, die alles dafür geben würde, um ihre Familie zu schützen, und dort die Tochter, die ebenfalls ihre Kinder schützen möchte, dafür aber eher den Weg der Flucht wählt als den des Kampfes. Alles hat einen Einfluss auf die Handlung.

 

Aus der einseitigen Plotübersicht wird nach wenigen Tagen eine vierseitige Darstellung des Geschehens. Natürlich doppelt erarbeitet für beide Zeitebenen. Ohne die Charakterperspektiven hätten sich neue Ideen und Nebenhandlungen nicht so schnell eingestellt. Und auch hier gilt es, nach hinten zu blicken und zu überarbeiten. Das Gefühl, nicht genug Zeit für die einzelnen Schritte geplant zu haben, stellt sich ein. 

Doch mit dem nächsten Schritt spüre ich Erleichterung. Das Erstellen eines Dossiers für jeden Charakter habe ich als Vorarbeit bereits hinter mir. So muss ich weder überlegen, wie meine Charakteren aussehen, welche Motivationen und Ziele sie haben oder wie sie sich im Laufe der Geschichte verändern. Ich streiche einmal kurz über meine Stirn und widme mich der weiteren Vorgehensweise.

Diese ist zu vergleichen mit dem Stufendiagramm von Elizabeth George. Szene um Szene wird hier auf das Blatt gebracht. Noch unsortiert und in Form des freien Schreibens. Erst, wenn genügend Szenen vorhanden sind, wird eine logische Rangfolge erstellt. Bei der Schneeflockenmethode erstellt Ingermanson eine Tabelle anhand der vierseitigen Plotübersicht, in welcher er die Szenen festhält, die später in dem Roman vorkommen könnten.

Da ich nur über wenig Excel-Kenntnisse verfüge, greife ich auf Pages zurück und bastel mir eine eigene Tabelle. 


Beispiel eines Stufendiagramms zu mC
Beispiel eines Stufendiagramms zu mC

 

Vor Schritt 9 graute mir bereits bei Elizabeth George. Er steht mir noch bevor, aber ich habe ihn bereits bei einem anderen Buchprojekt zu schätzen gelernt. Er ist sehr aufwendig; Ingermanson benötigt eine weitere Woche dafür, ich auf jeden Fall zwei.

 

Worum es geht? Darum, die erarbeiteten Szenen zu einem erzählenden Fließtext zu verarbeiten. Jede Zeile der Tabelle soll zu einer mehrere Abschnitte umfassenden Beschreibung der Szene ausgearbeitet werden. Wohl bemerkt, es handelt sich nicht um die eigentlichen Kapitel, sondern um eine Vorstufe, die bei dem Schreiben der Rohfassung helfen soll. Mir hilft dieser Schritt, ein Gefühl für das eigentliche Kapitel zu bekommen.

 

In der Regel habe ich mir eine Musik-Playlist zusammengestellt, die während der Ausarbeitungen rauf und runterläuft. Zu jeder passenden Szene gibt es ein bis zwei Songs, die mich inspirieren und das Kopfkino in Gang setzen. Ich bin dann inmitten der Szenerie, weiß um die Gefühle der Protagonisten, um die Stimmung, die der Schauplatz ausstrahlt, und verfasse erste Entwürfe, die ich für das eigentlichen Kapitel nutzen kann.

 

Für mverfasse ich für jede Episode eine eigene Szenenbeschreibung. Darin packe ich erste Dialoge, Konflikte, Schauplatzbeschreibungen etc. Ich nehme mir für jeder Episode zwei bis drei Tage Zeit, bis ich das Gefühl habe: ja, das kann eine gute Episode werden.

 

Unten seht ihr einen kleinen Ausschnitt einer Beschreibung zur ersten Szene der Episode 1. Sie ist noch sehr oberflächlich gehalten und beinhaltet nur wenige Details. Ich tippe zunächst einfach drauflos und erst arbeite danach erst weitere Aspekte und Stimmungen hinein. 


Ausschnitt erste Szenenbeschreibung zu Episode 1
Ausschnitt erste Szenenbeschreibung zu Episode 1

 

Sobald ich mir diese Schritte erarbeitet habe, kann es schließlich mit Schritt 10 und dem Schreiben der Rohfassung losgehen!

 

Fazit

 

Ich habe mich lange vor der Schneeflockenmethode gedrückt. Die Art, wie Ingermanson mit der Methode seine Projekte angeht und plant, erschien mir immer sehr kompliziert. Bei näherer Betrachtung allerdings gleicht sie in einigen Schritten der Arbeitsweise vieler anderer Autoren, die sich bisher über die Schulter haben blicken lassen. Vor allem das Vorgehen von Elizabeth George findet sich in einzelnen Schritten wieder. So zum Beispiel die detailliertere Figurenwicklung in Schritt 7 - ich verweise hier gerne auf das Soufflierblatt von E.G. - oder das Stufendiagramm in Schritt 8. 

 

Ich will noch einmal betonen, dass es bei dieser Methode um die Entwicklung der Handlung geht. Es ist also eine Vorarbeit nötig, dass heißt, die Idee und erste Entwürfe zu den Figuren und zur groben Handlung müssen bereits vorhanden sein. Erst dann macht der Einsatz der Schneeflocke Sinn. 

 

Da ich eher geplant und strukturiert an die Arbeit gehe, dem Zufall nicht zu sehr in die Hände spiele und gerne nach Regeln arbeite, ist die Methode von Ingermanson wie für mich geschaffen. Dabei kann ich meine eigene Arbeitsweise in die Schneeflocke mit einbauen und auch mal einen Schritt anders gestalten als vorgeben. Und genau das macht für mich die Schneeflockenmethode aus. Sie bietet ein Grundgerüst, dass erweiterbar und ausbaufähig ist. Ingermanso betont genau diesen Aspekt, sich nicht zu sehr auf ein starres Regelwerk zu konzentrieren, sondern die Methode nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten und zu nutzen. 

 

Scheinbar ist diese Art der Projektplanung nicht jedermanns Sache, da zu aufwendig. Für mich hat sich dieser Aufwand allerdings gelohnt, und ich kann mir durchaus vorstellen, ein neues Projekt anhand der Schneeflockenmethode hinsichtlich der Handlung und der differenzierteren Figurenwicklung anzugehen.


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