Münster 1645 - 1647, Teil 2

Vor einigen Tagen hat die vierzehnjährige Tochter eines befreundeten Ehepaares mit ihrer Schulklasse der Stadt Münster einen Besuch abgestattet. Die als Klassenfahrt getarnte dreitätige Shoppingtour führte natürlich durch die Altstadt. Auf meine Frage hin, ob ihr die Tour gefallen würde, kam nur ein ge-whats-apptes "Joa". Sie versicherte mir aber im gleichen Schreibzug, dass es nicht an Münster selbst läge. Ein Umstand, der mich etwas beruhigen konnte, da selbst eine siebte Schulklasse einige spannende Entdeckungen machen kann. 

 

Somit Willkommen bei Teil 2 von Münster 1645 - 1647!

Die Stadtbevölkerung

 

Die Stadtbevölkerung von Münster lässt sich zur Zeit der Friedensverhandlungen in zwei Gruppen einsortieren:

 

Der Klerus

 

Unterscheiden lassen sich hier der höhere Klerus, der sich aus dem Adelsstand zusammensetzte und innerhalb der Domburg ihre Haushalte hielt, und dem niederen Klerus, der sich aus den Kanonikern der Stiftskapitel, den Pfarrgeistlichen der sechs Pfarrkirchen sowie den Nonnen und Mönchen der sieben Frauen- und vier Männerklöstern zusammensetzte. 

Alle Mitglieder waren befreit von den bürgerlichen Lasten und standen bei Feierlichkeiten und besonderen Zusammenkünften in der ersten Reihe.

 

Weltliche oder Laien

 

Ganz oben in der Hierarchie standen natürlich die Patrizier, die aus den Erbmännerfamilien hervorgingen und stattliche Wohnhöfe innerhalb der Stadtmauern hielten. So zum Beispiel an der Königsstrasse oder am Alten Steinweg. Sie hatten zunächst die Macht im Stadtrat inne und lenkten dadurch das Schicksal der Stadt und ihrer Bewohner.

Als sich die Gilden (Honoratioren) zusammenschlossen, in den Stadtrat drängten und nach und nach öffentliche Ämter bekleideten, wurden die Patrizier schleichend entmachtet. Für den sozialen Status innerhalb der Stadt war es nun nicht mehr nur wichtig, über Grundbesitz und Geschäftserfolg zu verfügen. Eine akademische Ausbildung galt schnell als Garant für die Sicherung des Ansehens in Münster.

 

Die bürgerliche Mittelschicht bestand aus in Gilden und Bruderschaften zusammengeschlossenen Meistern und selbstständigen Kaufleuten, die allerdings noch unterhalb der Patrizier und der Honoratioren standen und als instabile Gruppe galten. Einmal Reichtum und Ansehen erlangt, war dies kein Garant für eine lebenslange höhere Position. Ein kleiner Schicksalsschlag oder Unfall konnte schnell in die Armut führen. Hier galt häufig: Wie gewonnen, so zerronnen. Ein Unterschied zu den Honoratioren scheint darin begründet, das diese sich bereits in der Stadt mit einer Nase für Erfolg und daraus resultierendem Reichtum etablieren konnten, ohne Gefahr zu laufen, diesen durch Misswirtschaft wieder zu verlieren. 

 

 

 

Münsteranerin in Fellkentracht, ca. 1634
Münsteranerin in Fellkentracht, ca. 1634

Die Gemeinheit, auch Plebejer genannt, war unterteilt in freie und unfreie Bürger, die vermischt  miteinander wohnten. 

Die freien Bürger unterstanden entweder dem Herrschaftsbereich des Domkapitel, mussten einen jährlichen Wachzins an diesen entrichten und gehörten als Paulusfreie nicht der Bürgerschaft an. Oder sie standen unter der Herrschaft des Rates und hatten das Bürgerrecht. Das Bürgerrecht wurde nach einer strengen Ordnung vergeben, die Bedingungen zum Ein- und Austritt vorgaben. 

Volles Bürgerecht hatten zum Beispiel Haushaltsvorstände mit ihren Familienangehörigen und im Haushalt lebenden Verwandten und Personal.   

 

Interessant ist, dass sich die Grundstruktur der Einwohnerschaft bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konstant halten konnte. 

 

 

Die Gesandten und die Münsteraner

Nachdem Münster 1643 für neutral erklärt wurde, begannen die Vorbereitungen für den Friedenskongress. Schließlich mussten 8000 erwartete Menschen in der Stadt untergebracht und versorgt werden. Neben den Domkurien und Adelshöfen wurden Wohnungen und Häuser der Bürger begutachtet, gemietet und den Bedürfnissen der jeweiligen Gäste angepasst. Neben dem Anbringen von Wandteppichen zur Verschönerung der Räumlichkeiten wurden gleichfalls auch Wände entfernt, um die Zimmer zu vergrößern. Das daneben auch mal das ein oder andere Gebäude Schaden nahm, wurde entsprechend geldlich entschädigt. Als einziges Quartier ist heute noch das Krameramtshaus am Alten Steinweg geblieben. Hier waren die niederländischen Gesandten untergebracht.

 

Das Militär in der Stadt wurde verdreifacht, um die Sicherheit während des laufenden Kongresses zu gewährleisten. Ein zu leistender Eid der Soldaten an den Rat sollte sie entsprechend an die Stadt binden. Daneben wurden alle wehrfähigen Münsteraner zur Verteidigung der Stadt verpflichtet.

 

Die Gesandten trudelten einen nach dem anderen mit einer großen Gefolgschaft ein. Der Stadtkommandant Reumont hatte die Aufgabe, sie an der Staatsgrenze in Empfang zu nehmen und in die Stadt zu geleiten. Da bereits angereiste Gesandte es sich nicht nehmen lassen wollten, aus Prestige den Neuankömmlingen mit Pomp und Prunk entgegenzureiten, zog sich die Ankunft der Reisenden von der Stadtgrenze bis zum Rathaus am Prinzipalmarkt entsprechend lange hin. Dies bewog den päpstlichen Beobachter Fabio Chigi dazu, einen Kompromiss auszuhandeln. Nur die Mitgesandten und die verbündeten Diplomaten sollten die Ankommenden an der Stadtgrenze mit begrüßen. Dies führte dazu, dass der Einzug der Gesandten sich zeitlich verkürzte, und sich die gegnerischen Gesandten von den Häusern aus das Spektakle ansahen und Spione unter das Volk an den Strassenrändern mischten. Alle Gesandten wurden von den Münsteranern jubelnd empfangen.

 

Die Münsteraner erschienen den Gesandten eh sorglos und in guter Stimmung. Bisher konnte ich keinen Eintrag finden, der besagt, dass sich die Stadtbewohner und ihre Gäste nicht vertragen hätten.

 

Was den Gästen aber im wahrsten Sinn des Wortes zum Himmel stank, war der Schweinemist, der sich auf den Strassen der Stadt befand und nicht unbedingt für eine angenehme Luft sorgte.

 

 

Anne de Bourbon, Herzogin von Longueville - ein Höhepunkt?

Der französische Hauptgesandte Henri II. d´Orleans, Herzog von Longueville, zog im Sommer 1645 mit seinem Gefolge in Münster ein. Um dem zuvor ausgehandelten Kompromiss von Chigi entgegenzutreten, griff der Herzog tief in die Geldkiste und sorgte dafür, dass sein Einzug in Münster unvergessen werden sollte. 

Aufgrund schlechten Wetters um einen Tag verschoben, demonstrierte der Einzug das Selbstbewusstsein und Prestigegehabe der Franzosen. 

 

Portrait der Herzogin, ca. 1641
Portrait der Herzogin, ca. 1641

Der gute Herzog war verheiratet mit der wesentlich jüngeren Anna von Bourbon. Aufgrund ihrer ihr nachgesagten Vorliebe für Liebesaffären und Intrigen war es Longueville ein Bedürfnis, seine Liebste nach Münster zu holen, um sie hier im Auge zu behalten. 

 

Das Eintreffen der Herzogin bedeutete für die münsteraner Bevölkerung ein kulturelles Highlight. Zwar erdachten die Franzosen ein Friedensballett, nahmen die Rollen ein und führten es in der Ratskammer der Rathauses auf. Aber angefangen mit dem Einzug der Herzogin, konnte kein Event für mehr Ablenkung sorgen als der Aufenthalt von Anne de Bourbon in Münster.

 

 

Im Sommer 1646, prunkvoller als ihr Gatte in der Stadt angekommen, organisierte Longueville ihr zu Ehren Empfänge und Feste. Es galt, seiner Frau das Leben in Münster so angenehm und abwechslungsreich wie eben möglich zu gestalten. Über diesen Weg schaffte es ein dressierter Elefant nach Münster, der die Laune der jungen Adeligen heben sollte. Die Münsteraner selbst begrüßten diese Abwechslung und haben sich bestimmt das ein oder andere Mal auch das Maul über die Herzogin zerrissen. Aufgrund einer Schwangerschaft reiste Anne wieder nach Paris ab und hinterließ einen eifersüchtigen Ehemann.

 

In den Strassen von Münster

Wie gesagt, hielten die Münsteraner in ihren Häusern, neben ihren Verwandten, auch Vieh. Da sich die Schweine auf den Strassen größtenteils frei bewegen und ihre Notdurft dort hinterlassen konnten, wo sie gerade standen, fühlte sich der Rat von den Gästen dazu genötigt, eine Verordnung anzuschlagen. Alles Vieh hatte in den Häusern und Ställen eingesperrt zu sein. Eine Zuwiderhandlung wurde damit bestraft, dass das freie Vieh geschlachtet und der Armenfürsorge zur Verfügung gestellt werden sollte.

 

Der Prinzipalmarkt hatte zu jener Zeit verschiedene Funktionen. Neben der des Hauptmarktes war er zugleich auch Versammlungs- und Gerichtsplatz, Festplatz für allerlei Veranstaltungen und Empfangsplatz für hohe Gäste. Öffentliche Exekutionen wurden hier nur selten abgehalten. In Höhe der Ludgeristrasse befand sich aber ein Pranger, der für kleinere Vergehen genutzt wurde.

 

Zugleich befand sich hier das städtische Verwaltung- und Dienstleistungswesen mit dem Rathaus, der Stadtwaage, dem Stadtbierkeller, der Legge (Leinenhandel) und der Post.

 

Prinzipalmarkt, 1644
Prinzipalmarkt, 1644

Wenn Du Dir das Gemälde etwas genauer anschaust, kannst Du in der Mitte des aus kleinem Geröll bestehenden Weges eine kleine Rinne entdecken. Diese diente den Bewohnern als eine Art Abwasserrinne, die die Haushaltsabwässer zur Aa leitete. Die Reinigung dieser Rinne und der Strasse oblag den Anliegern. Da sie aber ihrer Bürgerpflicht nicht immer nachkamen, bekam der Stadtrat des öfteren Beschwerden vom Domdechanten. Die Bürger trugen ihren zusammengefegten Dreck gerne mal bei Nacht zum Dom. 

 

Das Bild der Stadt und der in ihr lebenden Menschen zur Zeit des Friedenskongresses ist hier nicht vollständig von mir beschrieben. Einiges will ich mir noch für den Roman übrig lassen, um immer noch ein "AH" oder "OH" hervorrufen zu können!

 

Aber ich hoffe, Dich etwas neugierig gemacht zu haben! 

 

Jetzt bin ich müde und will nur noch auf die Couch, um bis Freitag - definitiv Freitag - den neuesten Artikel fertig zu haben! Freu Dich dann auf Hexen und Zirkel und Hexenverfolgung in Münster!

 

 

Bis dahin eine gute kurze Woche!



Literaturnachweis

Hans Galen (Hrsg). (1998). 30jähriger Krieg. Münster und der Westfälische Frieden. Münster: Stadtmuseum Münster

 

Bernd Haunfelder. (2007). Münster. Geschichte in Bildern.  Münster: Aschendorff Verlag

 

Karl-Heinz Kirchhof. (...). Der Prinzipalmarkt. Münster: Aschendorff Verlag

 

Franz Josef Jacobi (Hrsg.). (1993). Geschichte der Stadt Münster. Band 1. Münster: Aschendorff Verlag

 

Anja Stiglic. (1998). Ganz Münster ist ein Freudental. Münster: Agenda Verlag

Bildnachweis

Junge Münsteranerin mit Fellken, Gouache auf Papier von Wenzel Hollar, um 1634, 21,8 x 11,8 cm, Národní Galerie v Praze / Prag

 

Herzogin von Longueville, anonymes Doppelporträt auf den Innenseiten eines Schautalers, um 1641/42, 41,5 mm (Durchmesser), Stadtmuseum Münster

 

Der Prinzipalmarkt in Münster, Gemälde von Isack van Ostade, 1644, 58 x 79,7 cm, Wallace Collection / London